Projektbericht Homo communis – wir für alle

von Dr. Uwe Bennholdt-Thomsen

Vor gut drei Jahren trafen wir auf die Dokumentarfilmerin Carmen Eckhardt und den international erfahrenen Kameramann Gerardo Milsztein, die dasselbe Ziel verfolgten wie wir. Nicht mit abstrakten Forderungen, Mahnungen und wohlgemeinten Warnungen nach dem Motto, „hätte, würde, sollte“ sondern mit machbaren Vorstellungen überzeugte uns ihr Plan, durch filmische Beobachtung Initiativen und Projekte vorzustellen, die den Schritt vom Gedanken zur Tat und einsatzfreudigem Handeln schon vollzogen und durch praktische Umsetzung vorzeigbare Ergebnisse erreicht haben.
„Von der Wiege bis zur Bahre ist richtig leben das einzig Wahre“.

Wir versuchten, das Team bei der Recherche und Kommunikation, so gut es ging, zu unterstützen. Langsam aber stetig fanden sich Themen und Materialien zusammen, die einen veränderten Blick auf unsere Realitäten ermöglichen würden. Endlich kristallisierte sich auch der Filmtitel heraus: „HOMO COMMUNIS – Wir für alle“. Nur in und aus der Gemeinsamkeit finden sich Kraft und Wege, die die notwendigen Veränderungen möglich machen. Sehr aufwendig und kräftezehrend für das Team waren Crowdfunding und die Suche nach Sponsoren, es dauerte Jahre.

Am kompliziertesten stellte sich die Beantragung der Dreherlaubnis und die gesamte Logistik für die drei Wochen in Venezuela heraus, aufgrund der politischen Lage und Organisationsprobleme. Dafür ist dieser Filmabschnitt aber durch seine Viefalt, die Beispielhaftigkeit des Projektes Cecosesola und die offene Menschlichkeit seiner Mitglieder einer der bewegendsten und anrührendsten – beispielsweise der Moment der jungen Paare in der Neugeborenenstation bei der Vorbereitung auf die Geburt ihres Kindes und ihre tiefe gemeinsame Zärtlichkeit, ein wahrhaft großer filmischer Moment. Oder im genossenschaftlichen Bestattungsunternehmen der Spaß an der listigen Erfindung, die Särge mit langen Schlangen überzähliger Kassenzettel auszustaffieren, um Polstermaterial einzusparen. Oder die Erzählung des jungen Bauern, wie wichtig ihm bei seiner Arbeit die eigene Beziehung zu Wetter, Pflanzen und Gedeihen in seinem Verhältnis zu Pacha Mama, der Mutter Erde, ist.

Wie auch in den anderen Erzählungen des Films fällt wunderbar auf, wie wenig hier kommentiert, erklärt und und von außen interpretiert wird, sondern wir durch das persönlich Erzählte und die kluge Kamera direkt an die Menschen herangeführt werden. Ob das die ökonomisch ökologisch ausgerichtete Genossenschaft mit Tausenden von Mitgliedern im Krisenland Venezuela oder Produktionsgruppen unterschiedlicher Thematik in NRW, Widerstandsbewegungen gegen Klimawandel und Naturzerstörung oder die sich erinnernden Empfindungen einer friedlich Sterbenden sind,  – aus vielen Einzelbildern erfahren wir wie in einer Art beobachtenden Teilnahme von eindrucks- und wirkungsvollen Bemühungen, neue Formen der gemeinschaftlichen Produktion und des Zusammenlebens erfolgreich zu erproben.

Mehr als zwei Jahre dauerten die Dreharbeiten an verschiedenen Orten und in Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Projekten. Dann folgten Bearbeitung und Auswahl aus hunderten Stunden Material in monatelanger Feinarbeit mit Schnitt, Tonabstimmung und Texttiteln, bis endlich im letzten Herbst die erste Voraufführung stattfinden konnte - aber die Verbreitung durch die Pandemie ausgebremst wurde.

Der erste emotionale Eindruck, den dieser warmherzige Dokumentarfilm hervorruft, ist so etwas wie ein beglücktes Erstaunen darüber, dass es offensichtlich doch noch andere Formen gesellschaftlichen Lebens gibt, die nicht von Profitgier, Kapitalneid und sozialer Kälte geprägt sind und dass eine andere Zukunft denkbar und erreichbar ist. Es gibt also eine Alternative. Und da sind Menschen, die sie tagtäglich neu schaffen und leben. Das macht hoffnungsvoll und fröhlich.

Mögen sich möglichst viele Leute durch diesen erstaunlich spannenden und durch seine menschliche Kraft überzeugendenden Film bereichern und ermutigen lassen.

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